2. Teil - Warum ich als OB-Kandidatin für die Einrichtung emotionaler Fitnesscenter bin
- Valerie Tabea Schult
.webp/v1/fill/w_320,h_320/file.jpg)
- vor 21 Stunden
- 6 Min. Lesezeit
Ich habe den Eindruck, dass dieses System aus Männern in Machtpositionen viel dafür tut, mich zu missbrauchen und den Missbrauch dann unter den Teppich zu kehren – so wie es seit Jahrhunderten mit Frauen passiert. Das System lebt davon, dass Frauen schweigen und die Gewalt ertragen. Aber jede Frau, die das erträgt, macht sich mitschuldig. Die Nächste wird es wieder treffen.
BEGINN DES PSYCHOTISCHEN ZUSTANDS
Also ist es meine Verantwortung, dieses System zu stoppen. Und ich will Rache. Es gibt niemanden, der mich schützt. N-i-e-m-a-n-d-e-n. Niemanden, der Verständnis für mich zeigt. Diese Männer können einfach so weitermachen wie bisher.
Ein Monat vergeht, in dem Umberto und ich seit dem Auszug kaum miteinander reden. In diesen vier Wochen fasse ich einen folgenschweren Entschluss.
Ich beginne, Stück für Stück meine Beziehungserfahrungen der letzten Wochen auf Instagram zu veröffentlichen, und verfasse zusätzlich einen Beitrag über die gewalttätige Arbeitskultur in Umbertos Luxushotel. In mir ist eine kalte Wut. Ich sehe keine Instrumente, die der italienische Staat hat, um Männer wie Umberto vor einer weiteren Tat zu stoppen. Ich sehe keine Gemeinschaft von Nachbarn oder Freunden um ihn herum, die ihn zur Rechenschaft ziehen könnten. Als Politikwissenschaftlerin sehe ich nur eines: eine riesige Lücke in der staatlichen Verhütung zwischenmenschlicher Gewalt. Also ermächtige ich mich zur Selbstjustiz durch die sozialen Medien.
10. August
„Du hast es mir wirklich gezeigt, Valerie." Umbertos Stimme am Telefon klingt müde. „Was willst du denn jetzt noch?" Ich kneife die Augen gegen die Sonne zusammen und sehe die Schwalben, wie sie am Himmel fliegen. Ich habe mit mir gerungen, ob ich überhaupt abnehmen soll, wenn er anruft – habe es dann doch getan. Ich spaziere gerade durch einen Fichtenwald, als Umberto anruft, und bleibe auf einer Lichtung stehen. Zu meinen Füßen wächst eine Butterblume, die gerade bestäubt wird. Ich beobachte, wie eine Biene langsam auf die gelbe Blüte klettert, die unter ihrem Gewicht schwankt, während ich seiner sanften Stimme zuhöre.
In meinem letzten Facebook-Post stand, dass Umberto mich geschlagen hat und dass danach nichts von Seiten der italienischen Justiz passiert ist. 17.000 Aufrufe hat der Beitrag – ich bin selbst erstaunt über die Wucht seiner Verbreitung. „Jede Frau weiß jetzt, dass mit mir etwas nicht stimmt. Ich werde nie wieder eine Partnerin finden", sagt er verbittert. Und dann erzählt er mir, dass sein Arbeitgeber Hofer drei Anwaltskanzleien darauf angesetzt habe, mir den Zugang zu meinen Accounts in den sozialen Medien juristisch zu verwehren; er habe Angst um den guten Ruf des Luxushotels, wenn herauskomme, dass ein Mitarbeiter seine Partnerin geschlagen hat. Auch andere Hotelbesitzer habe das Luxusresort unter Druck gesetzt, nicht mehr mit mir zu sprechen.
Und dann sagt er noch etwas, was mich sprachlos macht. Um mich zu stoppen, hat Hofers Anwalt Umberto unter Druck gesetzt. „Ich habe gelogen, Valerie", druckst Umberto herum. Hofers Anwalt hätte Umberto gezwungen, vor der Polizei auszusagen, dass ich versucht hätte, Umberto tätlich anzugreifen – und dass das der eigentliche Grund sei, weswegen er mich geschlagen habe und ich im Frauenhaus gelandet sei.
„Es tut mir leid, Valerie", sagt Umberto.
„Verzeihst du mir?"
Ich sage, wenn er es ernst meine, solle er diese Anzeige gegen mich zurücknehmen und dem Anwalt und der Polizei sagen, dass er gelogen hat. Er versucht, den Anwalt anzurufen. Der hebt nicht mehr ab. Ich erinnere mich, dass er zumindest bei der Polizei seine Aussage hinterlegt.
Ein Krieg kennt nur Opfer, keine Gewinner. Nach dem Konfliktforscher Friedrich Glasl ist diese Stufe die höchste Stufe der Eskalation. Sie nennt sich „Gemeinsam in den Abgrund" – jene Phase, in der beide Parteien auch das eigene Wohl aufs Spiel setzen, um den anderen zu vernichten und Recht zu behalten. Hofer versucht es mit Anwälten, ich versuche es über die Öffentlichkeit.
15. August
Ich bin in einem Zustand absoluter mentaler Überlastung. Ich weiß nicht mehr, wie ich mit der ganzen Gewalt umgehen soll und was angemessene Reaktionen sind. Mein Gehirn läuft nach dem Telefonat mit Umberto tagelang auf Hochtouren. Ich traue Hofer ab jetzt alles zu. Dieses Luxusresort hat anscheinend Angst vor mir und will unbedingt verhindern, dass ich weiter über sie recherchiere. Warum nur? Mir fällt ein, dass andere Hotelbesitzer im Tal mir gegenüber immer wieder Hinweise auf pädophile Gäste haben fallen lassen. Mein Herz klopft. Sehe ich hier gerade das große Ganze?
Ich habe ein Dokument von WikiLeaks im Internet gefunden, das das FBI im Jahr 2007 erstellt hat, nachdem es festgestellt hatte, dass pädophile Straftäter in der Online-Kommunikation immer dieselben Symbole verwenden, um nicht entdeckt zu werden – nämlich Spiralen, Herzen und Schmetterlinge. Erst später finde ich heraus, dass es das Lieblingsdokument vieler Querdenker ist. In dem Moment suche ich nur nach der Bestätigung meiner Hypothese, nicht nach ihrer Falsifikation. Hier sind doch die Zeichen, die mit den Symbolen auf der Webseite und dem Instagram-Account des Luxusresorts übereinstimmen könnten. Langsam setzt sich in meinem Kopf ein unglaublicher Verdacht zusammen. Die Heimlichtuerei, das Engagement von drei Anwaltskanzleien – wollte das Luxusresort verhindern, dass ich entdecke, dass sein erfolgreiches Geschäftsmodell mit einem Bonusangebot für betuchte pädophile Gäste einhergeht?
Mein Finger schwebt über dem weißen Pluszeichen der Instagram-App, auf dem „Neuer Beitrag" steht. Ich verfasse meinen ersten Beitrag über diesen Verdacht. Eine Biene krabbelt über das Display meines Smartphones. Ich scheuche sie weg und tippe auf „Upload" für ein neues YouTube-Video von mir. Abends bei Sonnenuntergang schaue ich auf die Insights. Zahllose Südtiroler geben mir recht und feuern mich an, weiter zu recherchieren. Ich bin stolz. Nur: Wie soll ich jetzt agieren, damit man mich möglichst ernst nimmt? In meinem Wahn drehe ich ein Video, in dem ich mich als BND-Agentin ausgebe und die Südtiroler Bevölkerung warne. Meine Follower feiern mich. „Endlich mal jemand, der auspackt", höre ich.
Von der persönlichen Vergeltung zur systemischen Verklärung
20. August
Erst sehr viel später wird mir klar, dass ich mich mit dieser Verdächtigung zielsicher dorthin bewegte, wo ich nicht sein darf: in eine Verschwörungstheorie. Genauer gesagt hatte ich mich mit diesen Vorannahmen der rechtsextremistischen QAnon-Bewegung angeschlossen. Und die hat viele Anhänger. Unglaubliche 15.000 Aufrufe hat mein dazugehöriges YouTube-Video über diesen Pädophilie-Verdacht im Luxusresort innerhalb weniger Stunden. In den nächsten Tagen poste ich Fotos von gekidnappten Kindern aus dem Internet auf Instagram, schreibe darunter den Namen des Luxushotels und halte italienische Politiker und Polizisten an, endlich zu ermitteln. Ich veranstalte eine digitale Hetzjagd. Es wird immer wahnhafter. Meine Follower machen mich auf andere Hotels aufmerksam – Hofer unterhalte enge Beziehungen zu ihnen. Auch hier poste ich die Hinweise einfach. Ungeprüft. Es ärgert mich zwar, dass meine Follower irgendwelches Querdenker-Gebrabbel teilen und Corona-Leugner sind, aber wer kann sich schon seine Zielgruppe aussuchen.
Wenn ich Aufmerksamkeit erhalte, denke ich, ist das ein Beleg dafür, dass ich recht habe. Ein paar Monate später fragt mich ein Freund, warum mich diese Zielgruppe nicht alarmiert und zu einem Umdenken geführt hat. Die Wahrheit ist: Erfolg macht blind. Er macht süchtig und verklärt die Gedanken.
Antrieb meiner Wut war der Wunsch nach ausgleichender Kompensation für mein erlittenes Leid. So war ich im ewigen Hamsterrad meines Geltungsbedürfnisses gefangen – der ganzen Welt beweisen zu müssen, dass die Gegenseite „böse" sei.
Später werde ich gefragt, ob ich den Pädophilieverdacht wirklich geglaubt habe oder ob ich nur Rache geübt habe. Und ja – wenn ich mich zurückerinnere, dann habe ich den Pädophilieverdacht tatsächlich selbst geglaubt. Ich war überzeugt, für das Gute zu kämpfen, und dass mir später noch viele aus der Region dafür danken würden: Das was ein psychotischer Wahn mit einem macht - eine Veränderung der Persönlichkeit, eine krankhafte Überhöhung seiner Selbst, überzeugt, das "Richtige zu tun", selbst wenn es anderen Menschen schadet.
1. September
„Alle drehen hier wegen dir am Rad", berichtet mir ein verzweifelter Umberto mit zitternder Stimme ein paar Tage später. Einige Angestellte hätten es verboten bekommen, die sozialen Medien zu nutzen. Er fleht mich am Telefon an, sofort aufzuhören – an diesen pädophilen Vorwürfen sei nichts dran. „Ich arbeite hier seit zehn Jahren. Es stimmt nicht, was du sagst." Erste Gäste im Luxusresort haben bereits storniert.
Ich bin zufrieden.
Meine Beiträge gehen viral, werden tausendfach angeklickt. Ich werde als heldenhafte Rechercheurin für die Wahrheit gefeiert. Doch bis heute hat sich trotz meines medialen Erfolgs keines der angeblichen Opfer gemeldet.
„Verschwörungstheoretiker beginnen in der Regel mit der Identifikation der Schuldigen und suchen danach nach Beweisen für deren Schuld", schreibt die Fachliteratur. Denn während ich mit meinen Worten den Scheiterhaufen der Glasfasern anzünde, ist mir noch nicht klar, dass meine aufhetzenden Beiträge auch zum Brandbeschleuniger meiner eigenen Rufschädigung werden. Man schreibt nicht hasserfüllt oder hetzerisch. Früher im Journalismus habe ich versucht, immer neutral zu schreiben – distanziert und sachlich. Man beginnt in der Regel mit der vorurteilslosen Berichterstattung. Etwas, das ich einmal wusste, als ich noch nicht wütend war. Indem ich auf den physischen Angriff auf meine körperliche Integrität mit der Gegengewalt von öffentlicher Kommunikation reagiert habe, habe ich auch meine Reputation zerstört.
ENDE DES PSYCHOTISCHEN ZUSTANDS
November 2021
Ich habe Italien verlassen. Ein anderes berufliches Projekt wurde mir im deutschsprachigen Raum angeboten. Ich benutze Social Media nicht mehr. Der Winter setzt ein. Es wird kalt.


