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1. Teil - Warum ich als OB-Kandidatin für die Einrichtung emotionaler Fitnesscenter bin

Aktualisiert: vor 17 Stunden



In Italien habe die Erfahrung von Gewalt und einer psychotischen Episode gemacht und war nicht schnell genug darin, mich davon zu distanzieren.


zum Schutz der Persönlichkeitsrechte sind alle Namen und Orte verfremdet*



von Valerie Tabea Schult




Inhaltsverzeichnis

Teil 1

Wie alles begann - die Vorgeschichte.

Die Kündigung der Arbeit.

Der Verlust der Wohnung.

Das Date mit dem "Retter".

Vom Retter zum Choleriker.

Aufenthalt im Frauenhaus.


Teil 2

Beginn des psychotischen Zustands.

Anklagen gegen Luxushoteliers.


Teil 3

Aufenthalt in der Psychiatrie.

Ich will nicht mehr leben.

Schuld und Scham - die Beiträge werden gelöscht.

Rechtliche Aufarbeitung.

Wie kann man solche Gewalt verhindern.

Was sind emotionale Fitnesscenter?



Psychische und physische Gesundheit als Leitbild der Stadt - so sah mein Wahlplakat aus. Viele haben mich gefragt, warum ich denn mit so einem sperrigen Thema kandidiere.


Wie alles begann - die Vorgeschichte


Wir schreiben das Jahr 2021. Es ist Frühling. Der Zug ruckelt über die Gleise und ich esse entspannt ein Butterbrot. Mehrere Monate war ich wieder in Deutschland – grauer Himmel, Matsch, Regen. Und jetzt fahre ich wieder zurück mit dem Zug nach Italien. Ich freue mich über die Almwiesen und die Alpengipfel, den blauen Himmel, der am Fenster vorbeizieht. Ich bin so glücklich. Man hat mir ein Angebot unterbreitet, Mitglied für Kommunikationsberatung und Marketing im Vorstand einer nachhaltigen Unternehmensberatung zu werden – einem renommierten Franchise-Unternehmen, das bekannt dafür ist, CO₂-Äquivalente berechnen zu können, und große Firmen als Kunden hat.

 


Ich habe ein Apartment am Hang gefunden, zwischen Weinreben und alten Kirchtürmen. Ich bin sehr froh – ich lebe in der schönsten Region der Welt. Draußen zirpen die Libellen, wenn ich das Fenster öffne. 

Die Unternehmensberatung ist in einer verwinkelten, mittelalterlichen Gasse untergebracht. Wenn man die Räume betritt, knarren die Dielen. Unter den Türen muss man sich ducken. Fensterläden schaukeln im Wind. Der Chef ist ein älterer Mann mit weißblondem Haar und blauen Augen. Schon am zweiten Tag schreit er mich an, weil ich nicht schnell genug reagiere – bei einer Videoaufnahme, in der er die nachhaltige Produktpalette der Firma vorstellt. Ich bin völlig verwirrt. Was habe ich falsch gemacht? Fast jeden Tag wirft er mir vor, dass ich nichts kann. Die Atmosphäre ist geprägt von einer Führungskultur eines Mannes, der mich dafür angestellt hat, ihn marketingtechnisch besser darzustellen, der sich aber völlig verunsichert fühlt und sich von meiner Expertise bedroht fühlt.


Ich rufe meine Freundinnen in Deutschland an – alles Unternehmensberaterinnen. Im Videocall frage ich sie, was ich tun soll, wie ich mit dem Choleriker umgehen soll. Ich bin wirklich verzweifelt. Es ist ein Dilemma: Wenn ich nichts tue, wird mir Unfähigkeit vorgeworfen; wenn ich beratend tätig werde – aus der Perspektive des Storytellings, wie man Inhalte besser vermitteln kann – wird mir von ihm Arroganz vorgeworfen. Meine Freundinnen überlegen, wie ich mich verhalten soll, doch keine weiß weiter. 


Die Kündigung der Arbeit


Nach sieben Tagen Einarbeitung wird mir von ihm gekündigt. Im Kündigungsgespräch sitzt der Gründer des Instituts vor mir wie ein trotziges Kind. Er kann mir nicht sagen, warum ich gekündigt werde, an meinen Fähigkeiten läge es nicht, aber die “Chemie würde nicht stimmen”. 

Ich gehe wie betäubt aus dem Gespräch. Ich packe meine Sachen und laufe den Hang der Weinreben hoch. Ich fühle mich verraten. Ich habe meine Krankenversicherung in Deutschland gekündigt, ich habe meinen Lebensmittelpunkt in das italienische Gebirge verlegt, ich habe mir eine Wohnung mit meinem Gehaltsnachweis gemietet, ich habe meine Freunde und meine Familie verlassen, um Nachhaltigkeit im Wirtschaftswesen zu unterstützen – und hier bin ich gelandet: „Nachhaltigkeitspionier" nennt er sich und ist nicht in der Lage, konstruktiv über die Gefühle zu kommunizieren, die meine Anwesenheit bei ihm ausgelöst hat. „Der Gute in der Wirtschaftswelt". Der andere Geschäftsführer ruft mich an. Er ist genauso befremdet über sein Verhalten wie ich. Er entschuldiget sich. Er kann nichts tun. Ich wurde von seinem Kollegen weggeworfen wie ein benutztes Handtuch, das man einmal gebraucht hat: getestet, bringt nichts. 


  1. Juni

Ich bleibe in meinem Apartment. Ich setze mich an meinen Schreibtisch, klappe den Laptop auf und schaue auf die atemberaubend schönen, granitverwitterten Bergmassive vor mir. Ich hatte so viel Hoffnung daran gesetzt, in Italien sein zu können. Aber ich reagiere sofort: Ich beginne, mich mit anderen Unternehmensberatern zu verbinden und wieder selbstständig zu arbeiten – Akquise zu betreiben und Projekte an Land zu ziehen. Ein Monatsgehalt bleibt mir noch als Zeit.

In mir bleibt ein Gefühl zurück, das ich schon häufiger gespürt habe: Ich versuche, die Bedürfnisse anderer zu verstehen und auf sie einzugehen, sie zu erfragen. Aber gleichzeitig möchte ich auch, dass meine Bedürfnisse gesehen und anerkannt werden. Ich lebe jedoch in einer Arbeitswelt, in der das nicht gewünscht ist. So wie schon so oft in der Unternehmensberatung, genauso wie ich es im Journalismus erlebt habe: dass ich ein Objekt bin, das gleichzeitig ein Mensch ist, und dass ich durch mein Menschsein andere störe.

Ich entwickle daraus einen psychologischen Kompensationsmechanismus: Größenwahn. Meine Coping-Strategie ist die Überhöhung meiner selbst. Jetzt werde ich es allen erst recht zeigen. Wir gründen einen losen Bund von Unternehmensberatern, der auf Ehrlichkeit in Geschäftsprozessen abzielt, um Effizienzgewinne zu realisieren. Ich rekrutiere alte Bekannte. Viele mögen die Idee. Jeden Morgen um 9 Uhr das Daily Scrum. Ich entwickle neue Ideen. Ich bin euphorisch und habe wieder Hoffnung entwickelt, dass dieses Trauma mit der Unternehmensberatung nur ein Umweg war und ich eine neue, viel bessere Unternehmensberatung gründe, die schon bald Erfolg haben wird. Alles scheint möglich. Alles wird gut werden, sage ich mir. Ich möchte nicht wieder ins graue Deutschland zurückkehren.


Das Date mit dem "Retter"


21. Juni

Ich sitze in einem Café am Ufer eines Flusses, der sich schäumend und krachend einen Weg durch ein Gebirgstal bahnt. Rote Geranien wiegen sich an den Balkonen der Terrakotta-Häuser im Wind. Mir geht es gut. Ich bin entspannt. Ich esse ein rosa Macaron.

Die Luft flirrt, es ist heiß. Ein Mann am Nachbartisch wirft mir einen Blick zu. Er legt seine Sonnenbrille ab. Ich bin hingerissen von seinen schwarzen Locken, den braungebrannten Händen und den Lachfältchen um seine nussbraunen Augen, die sich in feinen Verästelungen kräuseln, wenn er mich anlächelt. „Darf ich mich zu dir setzen?", fragt er. Von da an reden und scherzen wir stundenlang im Schatten des weißen Sonnenschirms im Café. Ich habe in Umberto – denn so ist sein Name – meinen Seelenverwandten gefunden, denke ich. Als wir abends durch die Gassen schlendern, weiß ich, dass es Liebe auf den ersten Blick ist.

In den nächsten Tagen wandern wir über die Enzianwiesen, füttern Schafe und klettern hinab zu den rauschenden Wasserfällen im Tal. Abends erklärt mir dieser verliebte Mann auf dem schwarzen Sofa, dass laut der Astrologie das Zeitalter der Lilith gekommen sei – der weiblichen Urkraft. Ich glaube ihm gerne. Er erscheint mir wie ein Retter in der Not.


1. Juli

Mein Gehalt wurde eingestellt. Ich musste meine Wohnung kündigen. Als ich es Umberto erzähle, lädt er mich zu sich ein. Er hat ein Auto und eine eigene Wohnung. Sein Haus steht neben dem Luxusresort, in dem er als Angestellter in der Hotelanlage arbeitet - dem Fünf-Sterne-Hotel. Die Granitsteine in seiner Wohnung kühlen meine Füße, wenn ich darüber laufe. Wir sind leidenschaftlich verliebt. Wir haben so viel Spaß miteinander. Morgens geht Umberto aus dem Haus, ich versuche weiter, meinen Verbund an Unternehmensberatern zu moderieren, abends essen wir Spaghetti in der Taverne.

Ich integriere mich in das Tal, lerne die Wege zum Tante-Emma-Laden kennen, weiß, an welchem Brunnen das Trinkwasser besonders gut schmeckt. Ich lerne Umbertos Bekannte kennen und trinke einen Cocktail im Resort des Luxushotels.

Das Tal lebt vom Tourismus, von Spas, Wellness, Saunas und Gourmetküche, aber die Einheimischen sind müde. Sie rackern sich ab, viele sind erschöpft. Systemgastronomie und Hotellerie – es ist eine erbarmungslose Branche, die davon lebt, dass die Beschäftigten permanent für ihre Gäste erreichbar sind.

Immer mal wieder höre ich von den Einheimischen im Tal, dass es in diesem Segment der Luxushotellerie nicht mit rechten Dingen zugehe. Pädophile Gäste habe es dort schon gegeben, erzählt mir eine Herbergsmutter aus einem Gasthaus in der Nachbarschaft, aber die Anzeigen würden nicht von der Staatsanwaltschaft bearbeitet, erzählt mir ein anderer Hotelier – es sei alles sehr merkwürdig. Ich schenke den Gerüchten keine Beachtung, denn ich habe andere Sorgen. Meine Unternehmensberatung scheitert, weil ich keine Struktur aufbaue und die Meetings nicht konsequent moderiere.


Vom Retter zum Choleriker


5. Juli

Umberto hat sich mittlerweile als ein Mann entpuppt, der schon bei der kleinsten Angelegenheit im Haushalt ausrastet. Vor dem Hintergrund schneebedeckter Bergspitzen realisiere ich langsam, dass ich vom Regen in die Traufe gekommen bin. Gerade bin ich einem Choleriker an meinem Arbeitsplatz entronnen – jetzt lebe ich mit einem neuen Choleriker zusammen, auf 1.400 Höhenmetern in eiskalter Luft. Er hat sich nicht unter Kontrolle und wütet oft herum.

An einem Mittwochabend beginnt er unvermittelt, mehrere Minuten zu brüllen, weil ihm das Abendessen nicht schmeckt. Um sein Argument zu untermauern, packt er mich plötzlich bei den Schultern und wirft mich auf das schwarze Sofa. Ich bin perplex. Um mich zu schützen, gehe ich ins Schlafzimmer und sperre die Tür hinter mir ab. Ein paar Stunden später hat er das Schloss geknackt, schaltet das Licht ein – ich schrecke aus dem Schlaf – und schon hat er mehrere Kissen in der Hand und bewirft mich damit wie von Sinnen. Ich bitte ihn aufzuhören. An seinem Gesichtsausdruck sehe ich, dass er die Kontrolle über sich verloren hat. Ich greife nach meinem Smartphone und rufe die Polizei; er will es verhindern. Ich renne durch die Balkontür aus der Wohnung auf die leere Straße. Über mir glitzern die Sterne am schwarzen Himmelszelt vor dem dunklen Bergrelief, die Grillen zirpen, der Bach rauscht. Meine Zehen spüren die Wärme des Asphalts, der auch noch tief in der Nacht warm ist, weil der Tag so heiß war. Ich stehe da und bin telefonisch mit der Polizei verbunden; ich bitte sie, nicht aufzulegen. Ein Barista aus einem benachbarten Haus kommt heraus. Er und Umberto streiten sich, ob sie mich überwältigen und mir das Handy aus der Hand schlagen sollen.


Der Wagen der Carabinieri bringt mich in dieser Nacht in ein italienisches Frauenhaus. 


In meinem Politikstudium hatte ich einmal eine feministische Hochschulgruppe mitgegründet. Und jetzt soll ich auf einmal selbst ein Opfer sein? Es ist eine Zäsur in meinem Leben.


Aufenthalt im Frauenhaus


8. - 12. Juli

Die Psychologinnen im Frauenhaus sind freundlich. Vier Tage halte ich mich dort auf. Ich habe ein großes Zimmer mit einem hölzernen Hochbett.

Umberto droht mit Suizid, sollte ich nicht zu ihm zurückkehren.

Ich glaube an die Liebe. Ich glaube daran, dass Liebe Gewalt überwinden kann. Umberto beteuert, dass er sich ändern wird. Ich bin noch nie in einer Intimbeziehung mit physischer Gewalt konfrontiert worden. Ich bin Migrantin. Ich bin arm. Wenn ich nicht bei ihm wohne – wo soll ich dann wohnen?

Ich kehre zu ihm zurück. Ein paar Tage später sitzen wir beim Mittagessen; ich habe Spaghetti mit Tomatensoße gekocht. Später droht er mir, mir die Kehle durchzuschneiden. Ich rufe die Polizei. Umberto zeigt sich einsichtig und verspricht, es nicht zu wiederholen. Wir gehen gemeinsam zu einer hausärztlichen Gewaltberatung. Bei ihm wird eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Im Herbst wird er ein Anti-Gewalt-Training absolvieren und sich therapeutische Unterstützung holen. Alles Signale, die mir zeigen, dass ich ihm wichtig bin und er unsere Beziehung retten möchte.


15. Juli


Und dann beginnt es wieder von vorn, und er schreit mich an. Die Arbeit in dem Hotel ist extrem fordernd; Zehnstundentage sind keine Ausnahme. Ich beginne, ein Muster zu entdecken: Umbertos Wutausbrüche beginnen immer dann, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt und völlig erschöpft ist. Am Wochenende ist er ein friedlicher Engel, unter der Woche ein Berserker.

Auf dem Weg zu einem Restaurant in seinem Auto. Er beschleunigt extra, um mir Angst zu machen. Mit 150 Stundenkilometern rasen wir von Tunnel zu Tunnel. Ich schließe die Augen. Ich weiß nicht, ob er möchte, dass wir gemeinsam gegen eine Felswand rasen.

Einmal noch gehe ich direkt zu einer Wache.  Die Polizei war untergebracht in einem gemütlichen Gasthaus, mit einer Fassade aus dunklem Holz.  Nie wieder habe ich etwas von meiner Erklärung gegenüber der Polizei gehört. Umberto wird nie zu einem Verhör vorgeladen. Die Polizei hat keine Nachforschungen angestellt. Bis heute weiß ich nicht warum. 

Im Dorf redet man über uns. Jeder weiß, was Umberto getan hat. Einmal sehe ich Herrn Hofer, den Chef des Luxushotels, direkt vor mir. Mit quietschenden Reifen bleibt er neben uns am Straßenrand stehen. Wir kommen gerade von der ärztlichen Beratung zurück. Umberto hat sich für den Tag freigenommen. Hofer fragt, warum Umberto das Anti-Gewalt-Training macht und nicht zur Arbeit komme. Er ignoriert mich.

Gefühlt ist es allen egal, wie es mir geht – Arbeitgebern in Italien und der Polizei gleichermaßen. Es fühlt sich für mich so an, als würde ich vor einer riesigen Lücke im Gesellschaftssystem Italiens stehen – einem System, das nicht dazu geschaffen ist, psychische oder physische Gewalt an Frauen zu lösen oder zu verhindern.



1. August

Ich ziehe aus. Ich kehre nicht mehr zurück.

Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht wohin. Ich fahre mit dem Zug an die Ostsee. Lebe dort bei Bekannten. Ich lasse mich treiben. Ich beginne, in einer Pizzeria zu arbeiten. Ich schaue auf das zurück, was passiert ist – und ich werde wütend.





 
 

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